Rowohlt Verlag
Bernhard Cornwell Website

Geschrieben am 23.10.2013

Bernard Cornwell im Interview

«Die Wikinger sind ein Symbol der Freiheit in einer über und über bürokratischen Welt».

Ein Interview anlässlich des Erscheinens von «Das brennende Land».
Miroque Ausgabe 2 (III/2010)

 

Ihre historischen Romane spielen in verschiedenen Epochen. Was hat Sie dazu bewogen, auch über die Wikingerzeit zu schreiben?

 

Bernard Cornwell: Ich habe mich nicht bewusst für die Wikingerzeit entschieden. Ich wollte über die Entstehung Englands schreiben, und das ist einfach dieselbe Epoche.

Die Geschichte der sächsischen Siedler und ihrer Eroberung dessen, was heute England ist, wird nicht groß im englischen Schulunterricht behandelt; irgendwie scheinen die Engländer zu denken, die Geschichte ihres Landes würde mit der normannischen Eroberung im Jahr 1066 beginnen; aber mich fasziniert diese Zeit, seit ich ein kleiner Junge war. Darum wollte ich die Geschichte von Englands Entstehung erzählen.

 

England ist sicherlich auch ein interessantes Thema. Aber warum wird heute immer noch über die Wikinger geschrieben?

 

Bernard Cornwell: Die Wikinger – wen oder was immer wir darunter verstehen – wurden im 19. Jahrhundert sehr stark romantisiert und sie haben die Leute seither fasziniert. Ich glaube, in einer Welt, in der wir immer stärker reguliert und kontrolliert werden, verkörpern die Wikinger eine freigeistige und anarchische Alternative. Aber die Angeln und Sachsen, die sich im 5., 6. und 7. Jahrhundert in England niederließen, waren auch «Wikinger» und haben sich genau wie die späteren Dänen unglaublich schlecht benommen, bis sie es schafften, das Land zu erobern, das sie haben wollten. Anschließend führten sie Gesetze und Bräuche ein, die genau das schlechte Benehmen verhindern sollten, mit dessen Hilfe sie das Land eingenommen hatten.

Die Skandinavier, die sich in Großbritannien und anderen Teilen Westeuropas niederließen, waren der letzte Schwung der Westwärtsbewegung, die auch schon die Sachsen und viele andere Stämme in die Ferne getrieben hatte. Aber ich glaube, die Antwort auf Ihre Frage besteht in unserer Romantisierung der Wikinger. Sie sind ein Symbol der Freiheit in einer über und über bürokratischen Welt.

 

Sie scheinen vor dem eigentlichen Schreibprozess sehr viel Zeit in Recherche zu investieren. Aber die Zeit, über die Sie berichten, ist seit langem vergangen, und nicht allzu viel kann uns heute noch über das tägliche Leben des 9. Jahrhunderts Aufschluss geben. Wohin wenden Sie sich bei Ihren Recherchen, und was tun Sie dabei genau?

 

Bernard Cornwell: Oh, es gibt jede Menge Quellenmaterial! König Alfred war ein Gelehrter, der die Alphabetisierung vorangetrieben hat, also gibt es eine gewaltige Anzahl von Schriftzeugnissen aus seiner Regierungszeit, und die Angelsächsische Chronik wurde auch noch viele Jahre nach seinem Tod weitergeführt. Wir verfügen über Urkunden zu Landzuteilungen, Verträge, Gebetbücher und Assers „Leben des Angelsachsenkönigs Alfred“. Am wertvollsten von allen ist jedoch der große Korpus altenglischer Dichtung (wie Beowulf), der uns eine Menge über die Einstellungen der damaligen Gesellschaft erzählt. Es gibt auch altnordische Quellen wie Gedichte und Gesetzbücher in Altwalisisch. Natürlich wäre es immer schöner, noch mehr Quellen zu haben, aber es gibt wirklich genug überliefertes Material, um uns einen Eindruck davon zu vermitteln, wie das Leben im 9. Jahrhundert ausgesehen hat.

 

Frage: Wenn man Ihre Romane liest, ist man gefesselt von Ihrer Faszination für diese Zeit. Wollen Sie Ihre Leser für Geschichte begeistern?

 

Bernard Cornwell: Natürlich. Ich nehme an, dass die Menschen historische Romane lesen, weil sie Geschichte mögen. Ob sie die Romane zur Hand nehmen, weil sie das tatsächlich tun oder ob sie einfach unterhalten werden wollen, weiß ich nicht und ich mache mir darüber auch keine großen Gedanken. Allerdings wird jemand, der gar kein Interesse an Geschichte hat, wohl eher nicht zu einem historischen Roman greifen. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin zu bilden, sondern zu unterhalten. Ich bin kein Historiker, ich bin ein Geschichtenerzähler, aber natürlich bin ich begeistert von Geschichte, und wenn meine Romane diese Begeisterung an die Leser weitergeben, freut mich das sehr. Historische Romane sind ein Tor zur Geschichte. Damit meine ich, dass man jemanden für Geschichte interessieren kann, wenn man ihn unterhält, und vielleicht wird er dann vielleicht auch Sachbücher über historische Themen lesen.

 

Frage: Man sagt immer, dass wir die Gegenwart nur verstehen können, wenn wir die Vergangenheit entschlüsseln. Glauben Sie, dass das wahr ist? Und wenn ja, was wäre das Wichtigste, das wir über die Wikingerzeit herausfinden sollten?

 

Bernard Cornwell: Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Es ist klar, dass unsere Reaktion auf eine Krise differenzierter sein könnte, wenn wir ähnliche Krisen aus der Vergangenheit kennen, aber wir scheinen trotzdem immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Ja, wir müssen die Geschichte also kennen, um unsere gegenwärtigen Lebensumstände zu verstehen, aber lernen wir aus ihr? Ich bezweifle das wirklich. Und ich würde nicht sagen, dass es etwas Spezielles aus der Wikingerzeit gäbe, das wir unbedingt entschlüsseln sollten. Vielleicht nur das: Haltet die Schwerter bereit, falls sie noch einmal wiederkommen.

 

Frage: Können Sie uns sagen, wo innerhalb Ihrer Romane die Fakten aufhören und die Fiktion beginnt?

 

Bernard Cornwell: Ich bin ein Geschichtenerzähler, was bedeutet, dass für mich immer das Geschichtenerzählen über den Fakten steht. Aber ich versuche, die geschichtlichen Fakten richtig wiederzugeben, auch wenn über allem eine dicke Schicht Erfundenes liegt. In den meisten historischen Romanen finden sich zwei verschiedene Geschichten: die große und die kleine. In meiner Wikinger-Saga handelt die große Geschichte vom Werden Englands, die kleine Geschichte ist die von Uhtred. Der Trick dabei ist, die beiden miteinander zu vertauschen, so dass die große Geschichte in den Hintergrund tritt und die kleine im Vordergrund steht. Folglich ist das meiste aus meiner kleinen Geschichte erfunden, aber ich versuche, die große Geschichte so präzise wie möglich wiederzugeben.

 

Frage: Wie haben die Wikinger England beeinflusst? Haben Sie den Einwohnern und deren Kultur auch etwas gegeben, oder waren sie einfach nur brutale Feinde?

 

Bernard Cornwell: Sie haben Gesetze, Bräuche und Sprachen eingeführt, die auch heute noch wichtig sind. Am Ende wurden die Wikinger ein Teil Englands, sie wurden eingebürgert. Engländer und Wikinger heirateten untereinander. Die Wikinger verschwanden in diesem Völkergemisch, aus dem die Engländer entstanden sind. Aber sicherlich hatten sie einen großen Einfluss auf die englische Sprache. Bis heute weisen Ortsnamen im Norden oder Osten Englands einen starken skandinavischen Einfluss auf.

 

Frage: Die Uhtred-Bücher sind aus der Perspektive der Engländer geschrieben, was dazu führt, dass die Wikinger brutal und barbarisch erscheinen. Warum ist der Protagonist nicht durch und durch Däne?

 

Bernard Cornwell: Weil die Bücher das Werden und Entstehen Englands zum Thema haben, deshalb ist er ein Sachse. Ich schreibe nicht über die Wikinger, ich schreibe über die Engländer, die nun einmal in der Mehrheit gegenüber den skandinavischen Siedlern waren.

 

Frage: In Ihrer Wikinger-Saga werden viele Schlachten beschrieben. Warum halten Sie es für wichtig, Schlachten zu beschreiben? Was macht Schlachten, und besonders die des 9. Jahrhunderts, so faszinierend?

 

Bernard Cornwell: Alle Schlachten faszinieren mich, nicht nur die des 9. Jahrhunderts, denn sie haben einen überproportional großen Einfluss auf die Geschichte. Clausewitz hat einmal den berühmten Satz gesagt: „Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Ich denke, Krieg ist das Versagen der politischen Mittel. Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, sollten wir in der Lage sein, diese Meinungsverschiedenheiten durch Diplomatie aus dem Weg zu räumen. Wenn die Diplomatie jedoch versagt, greifen wir zur Kriegsführung, und die Folgen des Krieges haben oft nichts mehr mit ethischen Grundsätzen gemein. In anderen Worten: Auch die bösen Jungs gewinnen Schlachten. Schlachten sind die brutalen Wendepunkte der Geschichte.

 

 

Frage: Im Gegensatz zu den meisten historischen Romanen aus Deutschland ist Ihr Protagonist ein Mann und keine Frau. Warum haben Sie einen männlichen Helden gewählt? Hatten Frauen nicht dieselben Möglichkeiten zu dieser Zeit? Welche Rolle nahmen Frauen in der Gemeinschaft der Wikinger und Engländer ein? Oder was denken Sie, wie diese Rolle ausgesehen haben könnte?

 

Bernard Cornwell: Ich bin selbst ein Mann, so dass es für mich viel einfacher ist, eine männliche Figur zu erschaffen und zu beschreiben. Und da sich das Geschehen vor dem Hintergund einer Kriegergesellschaft abspielt, scheint es mir sinnvoll, einen männlichen Krieger die Last der Geschichte tragen zu lassen. Aber es gibt auch eine Menge weiblicher Charaktere…natürlich haben in einer patriarchalen Gesellschaft Frauen nicht dieselben Möglichkeiten, aber immerhin gehen einige als führende Charaktere aus ihr hervor.

Æthelflæd, Alfreds Tochter, ist durch ihre Geburt privilegiert. Sie hätte sich sonst vermutlich nicht zu der Anführerin entwickelt, als die sie sich dann herausgestellt hat.

 

Frage: Im «Brennenden Land» spielt eine Frau eine besondere Rolle: Skade, von der gesagt wird, sie sei bezaubernd, besitze aber auch die Macht, Menschen zu verzaubern. Als Uhtred von ihr verflucht wird, stirbt kurze Zeit später seine geliebte Frau. Was glauben Sie, welche Rolle Zauberei und Magie damals spielten? Gab es einen Unterschied zwischen Christen und Heiden, was den Glauben an Magie anging?

 

Bernard Cornwell: Vermutlich keinen derart großen Unterschied, wie die Kirche es gerne gehabt hätte. Wir reden von vortechnischen Gesellschaften, die keine überzeugenden Antworten auf einige der großen Fragen haben: Warum musste mein Kind sterben? Warum gab es eine Missernte, warum treten die Flüsse über ihre Ufer? Da sie keine wissenschaftlichen oder technischen Antworten hatten, suchten sie bei übernatürlichen Quellen nach Erklärungen. Wir wissen, dass viele Christen bestimmte Arten von Magie zum Heilen benutzten und dass sich einige Formen der heidnischen Magie in Britannien bis kurz vor den Beginn der Neuzeit gehalten haben (und womöglich immer noch existieren, wenn man auf Holz klopft, um Böses abzuwenden oder nicht unter einer Leiter hindurchgehen möchte). Magie funktioniert da, wo es keine vernunftgesteuerte, keine verstandesmäßige Alternative gibt.

 

Frage: Alfred ist deutlich vom christlichen Glauben beeinflusst. Waren Ihrer Einschätzung nach Glaube und Religion wirklich so wichtig für die Mehrheit der Menschen damals oder war Alfred einfach nur sehr fromm?

 

Bernard Cornwell: Religion und Glaube waren ausgesprochen wichtig. Und sie blieben es, bis die Aufklärung einige ihrer absurderen Behauptungen und Ansprüche hinwegfegte. Alfred war frommer als die Mehrheit, aber es ist überhaupt sehr schwierig, auch nur die geringste Ausformung von Atheismus in angelsächsischen England zu finden. Mir fällt in der Tat kein einziger Hinweis darauf ein. Religion gedeiht am besten in der Atmosphäre der Unwissenheit, und was die großen Themen angeht (Warum sind wir hier? Wie kann ich mein krankes Kind heilen?), war dies eine Zeit der Unwissenheit.

 

Frage: Denken Sie, dass die Wikinger tatsächlich sehr brutal vorgingen, als sie England erobern wollten? Waren sie eine wirkliche Gefahr für das Land?

 

Bernard Cornwell: Zwei mal ein klares «Ja». Die revisionistische These, die Wikinger zu aufgeklärten Menschen macht, die friedlich im Norden und Osten von England gesiedelt haben, ist einfach Unsinn. Die Wikinger kamen, um zu erobern, und das taten sie mit Hilfe von Armeen und Schwertern. Die Geschichte der Entstehung Englands ist die Geschichte davon, wie die Sachsen lernten, sich zu verteidigen und die Eindringlinge schließlich zu besiegen. Die Wikinger waren eine echte Gefahr. Natürlich haben sie England am Ende übernommen, aber zu dem Zeitpunkt waren die Engländer bereits eine Nation, und die Wikinger wurden zu Engländern, nicht die Engländer zu Wikingern.

 

Frage: Warum haben die Wikinger eigentlich versucht, England zu diesem Zeitpunkt zu erobern? Es gab schließlich noch den Rest Europas, und damit waren sie ja auch schon ziemlich beschäftigt.

 

Bernard Cornwell: Sie wollten England, weil England da war, weil es Reichtümer besaß und weil die Wikinger die fruchtbaren Felder besitzen wollten.

 

Frage: Erinnern sich die Engländer heute an König Alfred als einen besonderen Menschen?

 

Bernard Cornwell: Ja, das tun sie, auch wenn sie nicht viel über ihn wissen. Ich bezweifle, dass viele Leute sagen können, warum er «der Große» genannt wird. Viele Leute kennen jedoch eine Geschichte über ihn, nämlich die, wie er die Kekse verbrennen lässt. Es ist die Art von Geschichte, die kleinen Kindern erzählt wird: Alfred, auf der Flucht vor den Wikingern, sucht in einem Bauernhaus Unterschlupf. Die Bauersfrau erkennt nicht, dass er ein König ist, und bittet ihn, auf Kekse achtzugeben, die neben dem Feuer backen. Alfred jedoch denkt nur daran, wie er sein Land retten kann, und so lässt er die Kekse verbrennen. Da wird die Bauersfrau sehr ärgerlich und schimpft ihn wegen seiner Unaufmerksamkeit aus. Es ist eine nette Geschichte, obwohl sie ziemlich sicher erfunden ist – aber ich habe sie dennoch benutzt.

 

Frage: Musste im 9. Jahrhundert eigentlich jeder junge Mann zwangsweise kämpfen, oder war es auch möglich, einfach nur ein Bauer zu sein?

 

Bernard Cornwell: Jeder Mann über 12 Jahre wurde in Wessex registriert, Ihre Namen fanden sich auf Listen. Sie mussten in der Bürgerarmee dienen, «fyrd» genannt. Die richtig schweren Kämpfe wurden von professionellen Kriegern ausgetragen, wie Uhtred einer war; aber der Fyrd musste die Städte verteidigen und im Notfall eine feindliche Armee überwältigen.

 

Frage: Gibt es einen Tipp, den Sie einem Wikinger-Reenactor geben können?

 

Bernard Cornwell: Hab Spaß und stell sicher, dass nach dem Kampf ein kühles Blondes auf Dich wartet! Hab noch mehr Spaß!

 

Copyright: Katja Angenent, Miroque Ausgabe 2 (III/2010) – www.miroque.de